… das Kind in uns…

… manchmal seh ich ein Kind vor mir sitzen. Es sitzt am Boden, irgendwo im Nichts. Den Kopf hat es auf seine angezogenen Knie gelegt, sein Haar fällt vorn über, seine Arme umschlingen die Beine. Es bewegt sich nicht, sitzt einfach nur da. Ob es wohl weint? frag ich mich jedes mal. Ich setz mich zu ihm hin, weit genug weg von ihm, um es nicht zu erschrecken aber nahe genug, um es zu fühlen…

… ich fühl seine Angst, Angst vor dieser Welt, vor der Dunkelheit und ihren Abgründen. Da ist diese Leere, die das kleine Mädchen vor mir füllt. Ich kann sie fühlen, diese Leere als wär es meine eigene. Ausgehöhlt hat sie das Kind und es dann mit Einsamkeit gefüllt. Mit tiefer, nie enden wollender Einsamkeit bis in seine kleinen, zarten Fingerspitzen. Ich widersteh dem Drang, das Kind zu umarmen und schließ die Augen. „Du bist nicht allein“, flüster ich und nach kurzer Zeit höre ich ein trotziges „Ich weiß!“. Langsam öffne ich meine Augen wieder und seh es an. Es hat seinen Kopf leicht gehoben und scheint mich durch seine Haare anzuschauen. „Was machst du hier, ganz alleine?“, will ich von ihm wissen. „Warten.“ Die Antwort klingt wie ein Seufzen. „Warten? Worauf?“ Das Kind hebt seinen Kopf, legt sein Kinn auf die Knie und sieht mich mit Augen voller Tränen an. Es schweigt. Sieht mich nur an, während langsam Tränen über seine kleinen Wangen laufen. Kaum hörbar sagt es nach einer gefühlten Ewigkeit: „Darauf, dass du dich erinnerst… an mich!“

Die Wahrheit ist; ich sehe dieses Kind seit meiner Kindheit. Und ich habe nie verstanden, wer es ist. Ich habe auch nie verstanden, wer wen liebt, wenn eine Stimme in mir sagte „Ich liebe dich“. Auch das habe ich immer mal wieder mein ganzes Leben lang gehört. Ich hab so vieles verstanden, so vieles. War manches mal überrascht, wie viel ich annehmen, erkennen, aushalten, ertragen konnte, mir letztendlich auch oft eingestehen musste. Aber wer dieses Kind ist, das wusste ich nie. Ich hab es nie umarmt, nie getröstet und ich habe viel zu lange gebraucht, um es irgendwann mal anzusprechen. Ich hab mich nur immer wieder zu ihm gesetzt und bin bei ihm geblieben, die ganze Zeit, solange es da saß jedes mal. Vielleicht, dachte ich mir, vielleicht ist es dann nicht ganz so allein.

Um genau zu sein habe ich 42 Jahre gebraucht, um zu verstehen. Um mich selbst in den Arm zu nehmen. Um mich zu erinnern, an mich selbst. An das Kind in mir. Das Kind da am Boden, welches ich manchmal sitzen seh, das bin ich…

Nehmt es in den Arm, wenn es euch begegnet. Es geht nicht um verzeihen, um erklären, um wiedergutmachen. Es geht um die Liebe zu uns selbst, von Anfang an…

Bild von Ingo Jakubke auf Pixabay 

3 Kommentare zu „… das Kind in uns…

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