… zerissene Erinnerung…

… ich hab noch immer das Kleid vom Sommer an; dem Sommer vom letzten Jahr…

Irgendwer hat mich vergessen, vielleicht jeder, auch der Frühling. Hab einfach kein neues Kleid mehr bekommen, dabei ist nicht mehr viel übrig von dem wunderschönen. Es hat keine Farbe mehr, irgendwo zwischen grau und schmutzig ist es inzwischen und an vielen Stellen zerrissen. Irgendwie passt es zu mir, farblos und kaputt. So fühl ich mich auch oft, zerrissen zwischen den Welten, zwischen Gut und Böse, Licht und Schatten, Freud und Leid… Ich wünschte, ich hätt ein Bild davon gemacht, als es noch in Ordnung war. Aber ich hab keins gemacht, hab nur müde Erinnerung an die Zeit davor. Bevor alles zerbrach, was ich mühsam über so viele Jahre mit Verzicht und Sehnsucht aufgebaut hab. Was blieb ist eine leise Melodie, die mein Herz oft traurig summt und dann lausche ich. Lausche, als wäre es ein Klavierkonzert in Moll und dann sitzen wir da, mein leeres Herz und ich und wir hören schweigend zu….

„Erinnerst du dich“, frag ich es dann manchmal, „an die gute Zeit? Als wir noch Hoffnung hatten und Träume? Als….“

„… ich weiß, was Du sagen willst.“, erwidert es dann. Als wüsste es, dass ich gar nicht aussprechen mag, was mich abgrundtief zerstört hat. Dann schweigt es und irgendwann, wenn der letzte Ton von der Musik längst verhallt ist, sagt es dann meist: „Ich werde wieder heilen, vertrau mir! Ich werde wieder ganz.“

Ich würd ihm gern glauben, wie gern würd ich ihm glauben! Oft sag ich ihm „Ich weiß“ aber in Wirklichkeit weiß ich gar nichts. Ich glaube auch nicht und vertrauen, vertrauen schon gar nicht mehr. Meine Hände seh ich dann oft an, die Narben darauf. Das, was übrig ist von dem Tag, an dem meine Welt zerbrach und ich mit bloßen Händen versuchte, irgendwas davon zu retten und mir nur die Finger blutig schnitt bei diesem sinnlosen Versuch. Man rettet nichts, wenn es nichts zu retten gibt, egal wie verzweifelt man es versucht. Ich seh meine Hände an und suche Trost in dem Gedanken, es immerhin versucht zu haben. Das kostet mich sogar ein müdes Lächeln; ja, du hast es versucht, du hast immer versucht und doch nie geschafft…

Ich weiß, ich werd auch diesen Winter überleben in meinem schmutzigen Kleid. Ich werd ihn überstehen, egal wie. Vielleicht, nein ganz sicher, werd ich frieren und es wird oft dunkel sein aber was macht das schon. Irgendwann, irgendwann wird es wieder hell. Auf jede Nacht folgt ein Tag, auf jeden Winter ein neuer Sommer. Nur das Kleid, welches mir mein Leben einst im Sommer gab, das bleibt. Als wär es eine zweite Haut geworden und langsam gewöhn ich mich daran. Es wärmt längst nicht mehr, ist nicht mehr schick aber es gehört zu mir. Wie ein stilles Mahnmal hängt es an mir und erinnert mich. Erinnert mich daran, dass wir viel zu selten ein Bild für unser Herz machen von der schönen Zeit, in der wir leben. Wir begreifen erst, wie schön sie war, wie gut es uns ging, wenn es vorbei ist. Wenn sich, warum auch immer, von heute auf morgen alles ändert und man nur noch die Trümmer seines Lebens vor den Füßen hat, dann erst merkt man; wie schön, wie wunderschön und gut dieses Leben eigentlich war, ich hab es nie gemerkt. Ich hab es nie gedankt. Ich hab immer nur gehofft, dass es irgendwann besser wird… Was bleibt ist nur Erinnerung, die irgendwo in einem Abgrund liegt, fernab vom Licht und viel zu tief gefallen, um sie irgendwie da wieder raus zu holen. Da liegt sie, neben den Trümmern. Das ist geblieben. Das und mein Kleid vom letzten Sommer. Der Sommer vom letzten Jahr…

Lernt euer hier und jetzt zu schätzen, jeden Tag. Niemand weiß, wann davon nur noch Erinnerung bleibt…

Bild von Ian Procter auf Pixabay 

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