… gegen das Schweigen…

Jedes Jahr zu dieser Zeit macht eine Gruppe im Internet, in der ich mich seit Jahren befinde, eine sehr schöne Aktion. Geben und nehmen – jeder Mensch, der Hilfe braucht, darf darum bitten. Und jeder Mensch, der genug zum Leben hat bietet etwas an. Ich lese jedes Jahr still mit und habe bisher jedes Jahr ein, zwei Leuten eine Kleinigkeit zukommen lassen. Oft werden gebrauchte Sachen dankend angenommen und es war mir möglich, da zu helfen. Dieses Jahr fehlt mir irgendwie die Kraft, obwohl ich so gerne helfen würde- es wärmt das Herz so sehr…

Nun habe ich heute einen Beitrag von einer Frau gelesen, die ein Gespräch angeboten hat. Ich kenne sie nur durch diese Gruppe und fand sie immer sehr sympathisch, humorvoll und auf gewissen Ebenen – meinen Ebenen – auch wissend. Nach kurzem Zögern schrieb ich mich unter ihrem Angebot ein; ja, ich würde unglaublich gerne mit ihr reden. Über Gott und die Welt und all die Ebenen, die uns – so fremd wir uns sein mögen – verbinden. Kaum hatte ich mich unter ihrem Beitrag eingeschrieben überkam mich eine Traurigkeit, so tief habe ich sie lange nicht mehr gefühlt.

Seit Mai bin ich in Therapie, ursprünglich ging es mir um den Missbrauch von meinem Sohn dabei. Aber ich musste lernen, dass solch eine Erfahrung kein Zahn ist, den der Therapeut mal eben raus reißt und dann ist es gut; nein, wir graben da sehr viel tiefer und springen immer wieder in all meine geliebten zutiefst gehassten Abgründe. Das kostet Kraft, Überwindung und viel viel Zeit. Voran gebracht hat es mich noch keinen einzigen Meter. Nicht einen. Und heute merkte ich zum ersten mal, wie sehr ich mich danach sehne, über all diese Dinge zu reden, die uns in den letzten zwei Jahren passiert sind. Für die meisten ist das alles schon ewig her, vergessen, durchgestanden. Aber wer außer mir liegt denn auch deshalb heute noch manchmal wach? Wer fühlt noch immer diese Wut, diese Hilflosigkeit, diesen Hass, diese Leere? In manchen Nächten kann ich bis heute nicht die Augen schließen, hab stundenlang Tränen in den Augen und versuche, all die Schatten in der Dunkelheit zu ignorieren. Irgendwann, sag ich mir dann oft, irgendwann wird es wieder hell, vertrau mir. Und dann wünsche ich mir, ich könnte daran glauben… Es ist das Eine, wenn man lernen muss, irgendwie weiterzumachen. Weiter machen mit dem, was übrig bleibt von einem selbst, wenn man wieder mal durch die Hölle musste. Weiter machen mit Erinnerungen, die einen von innen heraus auffressen und nie ganz still werden. Weiter machen, obwohl alles in einem drin schreit, dass es nicht mehr weiter machen kann, nicht mehr will… Aber das Andere ist, wie allein man damit irgendwann bleibt. Ich hab lange geglaubt, Wunden heilen, immer. Es bleiben Narben aber sie heilen. Inzwischen glaube ich; manche Wunden heilen nie. Sie brechen viel zu oft wieder auf, bluten wieder, der Schmerz kommt zurück. Sie heilen einfach nicht, da hilft auch keine Zeit…

Eine meiner schönsten Erfahrungen in solchen Dingen war eine simple Frage; weit 20 Jahre nachdem meine Zwillinge sterben mussten, stellte mir jemand zum ersten mal die Frage: wie geht es dir damit heute? Ich war dankbar dafür, sehr dankbar. Jemand hatte verstanden, dass der Tod meiner Zwillinge nie vergessen wird, nie verheilen wird, noch heute in meinem Leben eine Rolle spielt. Wenn ihr Menschen in eurem Umfeld habt, von denen ihr wisst, dass sie schweres durchmachen mussten, dann fragt sie bitte von Zeit zu Zeit, wie es ihnen heute damit geht. Für euch mag sich die Erde weiter drehen, die Zeit weiter laufen aber für manche Menschen steht sie still und sie stehen noch immer an diesem einen Punkt in ihrem Leben, an dem ihre Welt zerbrach. Vielleicht könnt ihr sie nicht von dort abholen oder weg bringen aber ihr könnt sie hin und wieder ganz ehrlich fragen; wie geht es dir damit? Denn nichts ist so heilsam wie das Gefühl, mit etwas, das einen so sehr belastet, nicht alleine zu sein…

Bild von Florian Kurz auf Pixabay 

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